Jeunes Mères – Junge Mütter

Stadtkino
Freitag, 22. Mai 2026 I 18.00 Uhr

Drama | B/F 2025 | 104´ | DF 

Jean-Pierre & Luc Dardenne  

Mehr Schau- als Arbeitsplatz, eine Bühne für das intergenerationale Drama: ein Heim für minderjährige Mütter und ihre neugeborenen Kinder in einer belgischen Stadt. Ein Team an Sozialarbeiterinnen, das versucht, die Lücke zu füllen, die die Eltern der fünf Protagonistinnen hinterlassen haben, die sich gemeinsam gegen das Katastrophische stemmen, dem die Frauen, nun junge Mütter, ausgesetzt waren oder sind. Stilistisch baut der Film auf den dokumentarisch grundierten Sozialrealismus, für den die Filmemacher stehen. Statt ein Schicksal ins Zentrum zu stellen, zeigen sie ein Spektrum, wie es sich an diesem sozialen Ort auffächert 

Wir sehen ein großartiges Ensemble: Perla (Lucie Laruelle) wollte auch eine Familie, so wie ihre große Schwester, jetzt kämpft sie darum, dass ihr Freund sein Kind und sie nicht verlässt. Jessica (Babette Verbeek) möchte ihre Mutter kennenlernen, ihrem Kind die Großmutter erringen. Ariane (Janaïna Halloy Fokan) möchte keinesfalls zu ihrer alkoholkranken Mutter und deren gewalttätigem Freund zurück: Sie möchte ihr Kind in Sicherheit bringen. Julie (Elsa Houben) möchte mit Freund und Kind Inzest und Drogenabhängigkeit hinter sich lassen. Naïma (Samia Hilmi) hofft, dass die Wiederannäherung an ihre Mutter gelingt und sie mit ihrem Kind einen Weg zurück in die Familie findet, ohne abermals verstoßen zu werden. Ein Kind zu bekommen, war als Teil der Lösung gedacht, das Bedürfnis zu stillen, selbst als Kind geliebt zu werden: ein kraftvoller Akt, immerhin.  

Wie in ihren anderen Filmen zeigen Jean-Pierre und Luc Dardenne eine Gesellschaft, die versagt und Hilfe nur anbietet, wenn es eigentlich schon zu spät ist, wenn ein „Fall“ entstanden ist: Junge Mütter waren seit jeher Objekt der Fürsorge. Die Eltern, selbst marginalisiert, werden zu Täter:innen, verleugnen, misshandeln, missbrauchen ihre Kinder. Und sie verlassen sie, allen voran die Väter (nach denen nicht einmal gesucht wird).  

Die Arbeit im Heim setzt am Ende der Kette an, beschützt auf Zeit die neue Mutter-Kind-Dyade, aber sie bleibt gegen die Macht der Verhältnisse hilflos. Von allem bräuchte es mehr, und für alle bräuchte es Angebote. Wir sehen Sozialarbeiter:innen, die alles aufbieten, was ihnen zur Verfügung steht – wir sehen so vieles nicht; es gibt Medikamente, die beim Entzug helfen, aber keine Psychotherapie. Das Heim steht nur befristet zur Verfügung – die Hilfe ist nicht an den Bedürfnissen der jungen Frauen ausgerichtet, geschweige denn an jenen ihres familiären Umfelds.  

Ob Sozialarbeit einen Unterschied macht? Wir wissen nicht, was kommt, und die Belastungen auf den Schultern der jungen Frauen erscheinen auch dann noch überwältigend, wenn glückliche Fügungen einen Lichtblick verschaffen. Zugleich wird Gutes, Gelingendes nicht vergessen: In der Schlussszene wird eine pensionierte Volksschullehrerin gebeten, ihrer ehemaligen Schülerin als Trauzeugin beizustehen. (Günter Hefler)  

Goldene Palme für das beste Drehbuch – Cannes 2025 

“’Young Mothers’ Is a Gentle Gift from the Dardenne Brothers” (Justin Chang, New Yorker, January 2, 2026) 

“The realities of poverty, neglect, racism, and violence are harsh constants in the Dardennes’ working-class universe, but the filmmakers believe no less intently in the persistence of goodness – a force that is all the more powerful, they insist, for the stubborn unpredictability with which it can take root.” (Justin Chang, New Yorker, January 2, 2026) 

„Ganz nah dran, ohne Urteil, aber mit großer emotionaler Wucht.“ – NDR 

Begrüßung durch Iris Dullnig-Scheurecker, AK Wien – Abteilung Frauen- und Gleichstellungspolitik

Nach oben scrollen