Garderobiers der Weltbühnen

Jörg Markowitsch — 04.10.2020

Im zweiten Teil seiner Trilogie über Menschen in ungewöhnlichen Berufen, „Secondo Me” (2016), begleitet Pavel Cuzuioc drei Garderobiers an drei europäischen Opernhäusern und holt das Alltägliche vor den Vorhang.

Als ich vor geraumer Zeit an der Universität Tallinn zu tun hatte, es muss kurz nach Estlands EU-Beitritt gewesen sein, war ich fasziniert davon, dass es dort wie im Theater eine Garderobe gab, an der – zumeist ältere Frauen – die Jacken und Mäntel junger Studenten entgegennahmen. Auf der einen Seite war da das Gefühl des Luxus in einem vermeintlich ärmeren Land, auf der anderen Seite die unmittelbar sichtbare Ungleichheit, aber gleichzeitig auch die gesellschaftliche Teilhabe der älteren Generation und direkten Unterstützung der jüngeren – es wirkte jedenfalls wie aus der Zeit gefallen.

Das Pausengespräch der Garderobenfrau und Pensionistin Nadezhda Sokhtskaya mit einer Arbeitskollegin an ihrem Arbeitsplatz im Opernhaus Odessa, dokumentiert im Film „Secondo Me” (2016) von Pavel Cuzuioc, hat genau diesen Eindruck in mir wieder wachgerufen. Ganz anders hingegen, und doch vergleichbar, weil im selben Beruf, wirken die beiden anderen Protagonisten des Films: Flavio Fornasa in der Garderobe des Teatro La Scala in Mailand und Ronald Zwanziger in jener der Wiener Staatsoper.

Flavio ist Mitte Fünfzig, hat an der Technischen Universität Mailand studiert und ist hauptberuflich Sicherheitsinspektor bei der nationalen italienischen Eisenbahngesellschaft. Die Suche nach einem zusätzlichen Teilzeitjob hat ihn an die Scala geführt, wo er zunächst Sicherheitsbeauftragter, dann Billeteur und schließlich seit 2003 Garderobier wurde. Ronald, knapp über siebzig, ist promovierter Indogermanist und war im Hauptberuf Bibliothekar an der Hauptbibliothek der Universität Wien, seit drei Dekaden arbeitet er jedoch zusätzlich abends als Garderobier an der Wiener Staatsoper.

Der Film begleitet den Alltag der drei Garderobiers, ihr Arbeits‑, Freizeit- und Familienleben, zeigt sie im Fitnesscenter, im Nagelstudio, beim Besuch einer Delphinshow mit dem Enkel, beim Schachspiel mit den Kindern, beim Kochen, Essen und Schwimmen. Was sich auf den Bühnen der Opernhäuser abspielt bleibt dabei außen vor und dringt nur gelegentlich beim Öffnen der gepolsterten Türen ans Ohr. Die Bühne, die der Film ihnen bietet, gehört ausschließlich den drei Garderobiers. Ihre kleinen Logen mit den aufgezogenen Vorhängen wirken dabei wie eine Miniaturausgabe der großen Bühnen dieser Häuser. Die Garderobe als Allegorie der Weltbühne. Flavio, der dabei ist, von seiner Arbeit Abschied zu nehmen, resümiert dann auch als wäre er Direktor des Hauses und nicht Hilfskraft: „Insgesamt, wenn ich an meine Zeit an der Scala denke, würde ich überhaupt nichts anders machen […] im Grunde mochte ich es hier, ich war glücklich.“

Berufe, bei denen es uns schwer fällt sie als Berufung wahrzunehmen, und Menschen, die für uns scheinbar unsichtbar ihrer Arbeit nachgehen und denen wir im Allgemeinen keine Beachtung schenken, denen gilt die ganze Aufmerksamkeit des in Rumänien geborenen und in Wien lebenden Filmemachers Pavel Cuzuioc. Seine Hommagen an Berufs- und Lebensalltag rücken gesellschaftliche Ungleichheiten ein Stück zurecht und zeigen, dass das vermeintlich Große auch im Kleinen, dem Einfachem, steckt, und Ersteres oft auch von Letzterem abhängt.

Referenzen:
Cuzuioc, Pavel (O.D),  SECONDO ME, Presseheft, abgerufen am 5.10.2020

SECONDO ME, Ein Film von Pavel Cuzuioc, A 2016, 79 Min., DCP, ital./russ./dt. OF mit UT

Gundermann, 2018, Deutschland, Trailer

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